England/USA

Marc Elsberg. ZERO (2014)

elsberg-marc-2014-zeroFast schon eine Dystopie ist dieser Science-Thriller, spannend zu lesen, aber auch sehr beunruhigend. Denn so weit in der Zukunft scheint das Szenario nicht zu liegen. Nach der Lektüre dieses Thrillers wird jeder sein Verhalten im Internet überdenken und nichts mehr von sich preisgeben wollen. Was jetzt schon unmöglich ist, wenn man das Internet in irgendeiner Weise nutzt. Mit jedem Mouseclick verrät man mehr, als man sich vorstellen kann.

„Zero“ ist eine Vereinigung von Internetaktivisten, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Öffentlichkeit auf die Auswüchse des Internets aufmerksam zu machen. So beginnt das Buch mit einer spektakulären Aktion der Gruppe, bei der sie mithilfe von Drohnen und spinnenähnlichen Minirobotern Filmaufnahmen vom US-Präsidenten und seiner Familie live ins Internet übertragen. Alle Zuschauer, auch die in der Redaktion der Londoner Zeitung „Daily“, befürchten ein Attentat und verfolgen atemlos die Übertragung, doch der Präsident kommt mit der Angst davon. Journalistin Cynthia Bonsant bekommt den Auftrag, einen Artikel über die spektakuläre Aktion zu verfassen, dabei hat sie sich bisher kaum für das Internet und seine Möglichkeiten über die Recherche hinaus interessiert. Das ändert sich jetzt zwangsläufig.

Datenbrillen

Die Konzipierung dieser Hauptfigur erlaubt Autor Marc Elsberg, auch den Leser auf den technischen Stand seines Thrillers zu bringen. Cynthia lässt sich von Kollegen erklären, was alles möglich ist, und der Leser erschauert mit ihr gemeinsam. Dass es sich nicht um eine gruselige, aber entfernte Dystopie handelt, wird der Journalistin allerdings schnell klar: Die Datenbrille, die sie im Auftrag ihres Chefs testen soll, beliefert sie mit Informationen, per Gesichtserkennung weiß sie genau, wer mit ihr in der U-Bahn unterwegs ist. Als sie die Brille allerdings an ihre Tochter Viola ausleiht, kommt einer deren Freunde, Adam Denham, bei der Verfolgung eines gesuchten Verbrechers zu Tode. Von vielen anderen Brillen wird auch dieses Unglück direkt ins Internet gestreamt.

Freemee

Viola und Adam sind, wie Millionen anderer, Nutzer von Freemee. Alle Mitglieder können hier selber über ihre Daten bestimmen und mit ihnen Geld verdienen. Den Wert seiner Daten kann man steigern, zum Beispiel indem man sich via „ActApps“ mit guten Tipps zu Kleidung oder Verhalten versorgen lassen kann, bis hin zu einer Art persönlichem Coaching zum Lernen oder beim Dating. Als Cynthia davon erfährt, wird ihr endlich klar, wieso ihre Tochter ihren Gothic Style aufgegeben hat, besser in der Schule und viel umgänglicher ist als früher. Eine positive Entwicklung? Auch Adam wurde dank Freemee vom Außenseiter zum coolen Typen – was allerdings bei ihm auch dazu führte, dass er sich überschätzte – in der Freemee-Zentrale schrillen bei Adams Tod die Alarmglocken. Chefprogrammierer Carl Montik hatte kürzlich einige Experimente durchgeführt, um das Verhalten einzelner Gruppen von Usern ganz gezielt zu beeinflussen. Dabei war es zu etlichen Todesfällen gekommen, was natürlich verheimlicht werden muss. In der Wirtschaft allerdings ist man sich der Macht dieses Instruments sehr wohl bewusst.

Jagd auf Zero

Der Tod Adams bringt Freemee neuen Zulauf, die Illusion, selber über seine Daten bestimmen zu können und „Lebenshilfe“ zu finden, lockt. Sogar Cynthia meldet sich an, nur als Test natürlich, aber die Datinghilfe, die sie ihrem neuen Kollegen Chander Argawal näherbringen soll, nutzt sie doch. Als man bei Freemee auf die gloreiche Idee kommt, dass das Thema Datensicherheit unbedingt in den Medien präsent bleiben sollte, um so für neue Kunden bei Freemee zu sorgen, sorgen Freemees Kontakte dafür, dass Cynthia von ihrer Zeitung auf die Jagd nach Zero geschickt wird. Chefredakteur Anthony Heast begleitet sie, er hat gerade die neuen Medien für den Daily entdeckt und streamt auch gerne mal ins Internet, allerdings ohne Geschick oder Verstand. Die Jagd auf Zero verläuft natürlich dramatisch, aber Cynthia merkt bald, dass Zero auf der Seite des Guten steht. Die Bösewichter der Story sind ganz woanders zu finden und auch viel böser, als Cynthia sich vorstellen konnte. Und sie wissen immer viel zu viel…

Spannend und beunruhigend

Schon beim atemlosen Lesen des Thrillers wird jedem klar, dass es von Facebook zu Freemee eigentlich nur noch ein sehr kleiner Schritt ist. Und tatsächlich erläutert Marc Elsberg in einem Nachwort, dass Facebook schon 2012 Experimente zur Beeinflussung der Emotionen seiner User durchgeführt hat. Es gab auch Vorwürfe der Wahlmanipulation durch die gezielte Platzierung bestimmter Nachrichten im Feed. Und auch das Geschäftsmodell, seine eigenen Daten zu vermarkten, ist keine Utopie mehr, sondern wird durch Onlinedienste bereits angeboten. Insofern hat Autor Marc Elsberg mit ZERO keine ferne Dystopie verfasst, sondern die technischen Möglichkeiten nur einen kleinen Schritt weiter gedacht und in einem spannenden Plot zugespitzt.

Dringende Leseempfehlung für alle Fans von Facebook, Instagram und Co, nicht nur für diejenigen, die sich schon immer gefragt haben, nach welchen Kriterien Facebook die Nachrichten für unseren Feed auswählt! Und für alle anderen Liebhaber spannender Stories sowieso.

Marc Elsberg. ZERO. Sie wissen, was du tust. München: Blanvalet, 2014.

Weitere Informationen

Verlagsseite zum Buch bei Blanvalet/Random House
Webseite zum Buch
das Buch bei LovelyBooks
über das Buch auf Wikipedia
ZERO auf Krimi-Couch.de
Webseite des Autors Marc Elsberg

Weitere Artikel und Rezensionen

Vera Sentis: „Marc Elsberg – ZERO: Sie wissen, was du tust“ auf buchwurm.info (30.5.2014)
Ingrid: „[Rezension] Marc Elsberg – ZERO Sie wissen, was du tust“ auf Buchsichten (5.6.2014)
Elmar Krekeler: „Marc Elsberg oder das große Datenschutz-Hahaha“ auf Welt.de (25.6.2014)
Michael Lange: „Datensicherheit: Zero. Sie wissen, was du tust“ auf Deutschlandfunk.de (13.7.2014)

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