Spanien

Alicia Giménez Bartlett. Samariter ohne Herz (dt. 2005)

Ein Obdachloser wird tot auf einer Parkbank gefunden, scheinbar zu Tode geprügelt von Skinheads. Doch Inspectora Petra Delicado und Subinspector Fermín Gárzon merken schnell, dass das nicht stimmt. Skinheads pflegen ihre Opfer vorher nicht zu erschießen.

Petra Delicado und ihr Subinspector widmen sich der Aufklärung des Falles in gewohnter Weise, doch zunächst gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Niemand kannte den Obdachlosen oder niemand will oder kann reden. Die Hoffnungslosigkeit, die die Seelen der Obdachlosen auffrisst, berührt sogar die hartgesottene Petra. So steht am Anfang viel Routine-Lauferei von einer Wohlfahrtsstelle zur nächsten, Befragungen von Skinheads, Obdachlosen, Sozialarbeitern.

Privatleben inklusive

Eine neue Kollegin, die junge und hübsche Yolanda, bringt etwas frischen Wind in das eingespielte Ermittler-Duo. Allerdings haben es beide privat gerade auch nicht ganz einfach: Fermíns homosexueller Sohn kommt mit seinem Lebensgefährten zu Besuch und Fermín flüchtet zu seiner Chefin. Diese hat gerade eine leidenschaftliche Affäre mit einem sehr hartnäckigen Verehrer. Ricard drängt nach vier Tagen (bzw. Nächten) schon darauf zusammenzuziehen, und dass Petra dies ernsthaft in Erwägung zieht, gibt ihr sehr viel Stoff für ihre andauernde Analyse von sich selber und der Gesellschaft.

Wohlstandsgesellschaft…

Als sich endlich ein Obdachloser findet, der den Toten gekannt hat, kommt langsam Bewegung in die Ermittlung. Als sich allerdings herausstellt, dass sich auch im Bereich der Wohlfahrt Betrüger tummeln, bessert das das Weltbild der Senora Delicado natürlich nicht.

Bissig und ironisch

Die eigentlichen Ermittlungen sind auch in diesem sechsten Band wie gewohnt mit bissigen, ironischen Wortgefechten der beiden Ermittler angereichert, anfangs dominieren sie eindeutig die Kriminalhandlung. Mit der jungen Yolanda kommt ein neuer Faktor ins Team, der Petra und Fermín erstmals ihre Gemeinsamkeiten aufzeigt: ihr Alter und ihre Erfahrung. Erfahrung ja, doch von Abgeklärtheit ist bei Petra keine Spur zu finden. Die ersten Ängste vor dem Alter bekämpft sie mit aggressivem Verhalten und der Affäre, ihrer Verbitterung lässt sie freien Lauf. Die Überlegungen zur spanischen Gesellschaft sind immer scharfsinnig, aber niemals beschönigend.

Sehr spanisch

Die Lektüre meines ersten Krimis mit Petra Delicado (Tote aus Papier) hat mich mit gemischten Gefühlen zurück gelassen, die Übersetzung war mir teilweise “zu spanisch”. Auch in diesem sechsten Band gibt es einige Stellen, an denen der Leser die Übersetzung spürt: Im Deutschen “pflegt” man viel weniger zu machen als im Spanischen. Doch vielleicht habe ich mich ein wenig dran gewöhnt, jedenfalls störte es dieses Mal den Lesefluss viel weniger. Dafür wusste ich die Eigenheiten dieser Ermittlerin, die so gar nichts Süßliches an sich hat, viel mehr zu schätzen.

Empfehlung

Leser, die in ihren Krimis eine rein logische Ermittlungsarbeit bevorzugen, werden hier mit Sicherheit enttäuscht. Wer aber Menschen mit außergewöhnlichem Charakter kennenlernen will und Einblicke in die heutige spanische Gesellschaft sucht, für den ist dieser Krimi wie gemacht.

Alicia Giménez Bartlett. 2004. Samariter ohne Herz. Petra Delicado löst ihren sechsten Fall. Köln: Bastei Luebbe, 2005. | Original: Un barco cargado de arroz. Barcelona: Editorial Planeta, 2004. (Petra Delicado, Bd. 6)

Weitere Informationen

über die Autorin bei Wikipedia
Samariter ohne Herz
bei LovelyBooks

Weitere Artikel und Rezensionen

Silke Schröder auf Hallo-Buch.de vom 26.4.2007
Sabine Reiss auf Krimi-Couch.de

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Ein Kommentar zu “Alicia Giménez Bartlett. Samariter ohne Herz (dt. 2005)

  1. Pingback: Alicia Giménez Bartlett. Die stumme Braut (dt. 2011) | Krimi-Magazin

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