Deutschland

Joan Weng. Feine Leute (2016)

Berlin 1925, die „feinen Leute“ feiern eine gute Zeit, Kokain und Morphium sind an der Tagesordnung, aber auch Lug und Betrug und Mord. Als Bernice Straumann ihren Ehemann ermorden lässt, ist die Sache eigentlich klar. Doch als auch sie selber stirbt, bekommen Kommissar Paul Genzer und sein Freund Carl von Bäumer einen kniffligen Fall.

Gottlieb Straumann wurde in einem Berliner Hotelzimmer erschossen, offensichtlich von seinem Verwalter Max Bayer, der ein Verhältnis mit der Ehefrau seines Arbeitgebers hatte. Das kann sich nur um einen Auftrag der Frau gehandelt haben. Bernice Straumann wird von den feinen Leuten verdammt – doch allzu viel scheint es ihr nicht auszumachen. Als sie tot aufgefunden wird, sieht es zwar nach einem Selbstmord aus, doch es scheint unwahrscheinlich, dass sie plötzliche Reue spürte, zumal sie den Auftrag zum Mord sowieso stets abstritt.

Berlin voller Ganoven

Aber welche alternativen Motive oder Tatverdächtigen gibt es? Der Halbbruder Straumanns, der Pfarrer Thomas Leiser, der ihm vielleicht den elterlichen Hof in Ostpreußen neidete? Dessen Ehefrau Isabelle hat Beziehungen zu zwielichtigen Gestalten. Oder wollte vielleicht jemand den Tod eines Kleinganoven rächen, den Straumann in den Selbstmord getrieben hatte? Es wären so einige mögliche Täter zu entdecken.

Liebeskummer

Allerdings hat Kommissar Paul Genzer nicht nur jede Menge unterschiedlicher Fälle zu bearbeiten, sondern er hat auch Liebeskummer: Sein Freund, der junge UFA-Schauspieler Carl von Bäumer, hat ihn scheinbar gerade betrogen. Nach einem handfesten Streit haben sich beide getrennt. Es folgt noch das eine oder andere Missverständnis, aber eigentlich würden beide den Zwist gerne vergessen und das Zusammenleben wieder genießen. Selbst wenn das nicht offiziell sein kann – noch droht Zuchthaus -, haben ihre Familien es immerhin akzeptiert.

Ermittlungsgehilfe

Um seinen Paul wieder für sich zu gewinnen, schlüpft Carl wieder in die Rolle des Ermittlers aus seinem letzten Film und begibt sich auf Mördersuche. Wenn der junge, gutaussehende Star auftaucht, wird jeder gesprächig, manch einer kann auch nicht zwischen Schauspieler und Filmfigur unterscheiden. Während Paul durch andere Fälle abgelenkt ist, findet Carl den Täter im Falle Straumann …

Sittengemälde

Der Blick in das Berlin der 1920er-Jahre ist auf jeden Fall atmosphärisch dicht gelungen, auch wenn ich natürlich nicht wirklich weiß, ob zum Beispiel Kokain dermaßen an der Tagesordnung war und ob es wirklich so viele homosexuelle Paare gab, trotz des immer wieder angesprochenen Unzuchtparagrafen. Der Fall scheint allerdings arg konstruiert, das Personal, das davon ablenken soll, ist so zahlreich, dass man leicht den Überblick verlieren könnte über Kleinganoven und (scheinbar) ehrbare Leute. Die Gefahr ist umso größer, weil das Gejammer Carls um seine Liebe zu Paul extrem im Vordergrund steht. Auch Pauls Bemühen um sein „Kleines“ nimmt in diesem Buch wesentlich mehr Raum ein als sein beruflicher Einsatz. Alles in allem scheint es bei diesem Krimi mehr um ein Sittengemälde der 1920er-Jahre und besonders um homosexuelle Beziehungen zu gehen, als um einen Kriminalfall. Wer sich für diese vermutlich eher ungewöhnliche Kombination von gestandenem Kommissar und blutjungem Filmstar und ihren schon recht eigenen Umgang miteinander interessiert, der findet hier ganz guten Lesestoff.

Joan Weng. Feine Leute. Berlin: Aufbau Verlag, 2016. (Paul Genzer Bd. 1)

Bisher in dieser Serie erschienen

Joan Weng. Feine Leute. Berlin: Aufbau Verlag, 2016. (Paul Genzer Bd. 1)
Joan Weng. Noble Gesellschaft. Berlin: Aufbau Verlag, 2017. (Paul Genzer Bd. 2)

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